Noch 194 Tage bis zum Schützenfest!

Schützenlexikon

Adlergeleit

Beim Adlergeleit wird der Schützenvogel in einem feierlichen Umzug von der Rahmede in die Altenaer Innenstadt gebracht und dort ausgestellt. Kurz vor dem Schützenfest wird der Aar dann, in einem weiteren Umzug, in "sein Nest" zum Schießstand am Lennestein gebracht.

 

Historie

Wie bei allen Schützenvögeln ist die Form und Farbe traditionell festgelegt. Über die Hersteller der Zielobjekte ist jedoch wenig überliefert. Genauso hält es sich mit Informationen über die Zeitwende, als von einem lebendigen Vogel zu einem hölzernen Aar gewechselt wurde.

Sicher ist, dass in Altena nicht immer auf einen Schützenvogel geschossen wurde. 1658 untersagte der Große Kurfürst dass abergläubische Vogelschießen. Die Altenaer hielten sich aber nicht sofort und nicht durchgängig an dieses Verbot: Zwischen 1682 und 1869 wurde mal auf die Scheibe und mal auf den Vogel geschossen. 1722 wurde vermutlich sogar auf einen Drachen geschossen, der von Röttger Vogel angefertigt wurde.

Seit 1869 wird nur noch auf den Schützenvogel geschossen. Dieser wurde damals vom Polizeidiener Zoebe gefertigt. Die Arbeit blieb lange Familientradition: Wilhelm Zoebe (* 1876) war Schreiner bei VDM und baute bis 1953 den Adler nach alter Sitte. Er hatte die Kunst des Großvaters vom Vater übernommen. 1956 übernahm Schreinermeister Reuber, ebenfalls bei VDM beschäftigt, diese Aufgabe. Beide gehörten der Kompanie Rahmede an. Ab 1965 wurde Heinrich Künne bei VDM mit der Herstellung des Schützenvogels beauftragt.

Er verriet 1973 in der Westfälischen Rundschau einige Details seiner Arbeit:

(...) vom Schwanz bis zur Krone ist er 135 Zentimeter hoch, die Flügelspanne mißt 130 Zentimeter. Gewicht etwa 60 Pfund. Wenn die Kompanie Rahmede am 31. Juli den Adler begleitet, dann haben die Schützen sogar noch mehr zu tragen. Das Tragegestell wiegt nochmal rund 15 Pfund.

Der Körper des großen Tieres besteht aus abgelagertem Birkenholz. Die Waldarbeiter von VDM halten bei ihrer Arbeit Ausschau nach geeignetem Holz, so dass man es sehr lange ablagern kann. Seit einigen Jahren wird der Rumpf sogar mit zwei Millimeter starken Stahlblech umgeben. Eine Maßnahme die nötig wurde, damit der Rumpf nicht so schnell zerberstet. Vor drei Jahren trafen ihn über 1000 Schuß, und die Mitgliederzahl der Friedrich-Wilhelms-Gesellschaft ist weiter gestiegen. So muß man in diesem Jahr mit noch mehr Schuß rechnen.

Rumpf, Zepter, Krone und Apfel werden gedreht. Schwieriger ist es mit Kopf und Füßen. Sie müssen in Handarbeit gedrechselt werden. Bislang war das Arbeitsmaterial dafür Pappelholz, aber in diesem Jahr hat Heinrich Künne, der in der Schreinerei der Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft arbeitet, Birkenholz genommen. Das ist zwar schwieriger zu verarbeiten, aber das Holz ist zäher. Flügel und Schwanz werden wie bisher aus Birkenholz angefertigt. (...)

 

Das Adlergeleit

Zwei Wochen vor dem Schützenfest holte die Kompanie Rahmede den Schützenadler ab und trug ihn in einem feierlichen Festzug in die Altenaer Freiheit.

Dort wurde der Aar für die Öffentlichkeit in einem dekorierten Schaufenster ausgestellt.

Am Dienstag vor dem Königsschießen holte die Kompanie Freiheit das Zielobjekt wieder ab und brachte ihn zum Schießstand am Lennestein.

Die Umzüge wurden stets von Spielmannszügen sowie dem alten König mit seinen Blumenfähnrichen und den Blumenfähnrichen des neuen Hofstaats begleitet. Es entwickelte sich eine liebgewordene Tradition.

Und heute?

Vielleicht hatte der Schreinermeister Heinrich Künne von der Firma VDM der Zeitung zuviel verraten, vielleicht war der Vogel auch nicht aus dem richtigen Holz oder einfach nur zu flügge, da er nach dem Schützenfest verschwunden war? Vielleicht lag es aber auch an der Umstrukturierung der Firma VDM. Heinrich Künne jedenfalls baute 1973 seinen letzten Vogel. Einige der angesprochenen Anekdoten finden Sie in der Chronik 1973.

Seit 1976 wird der Schützenadler nur noch von Schreinerei Harte gebaut. Zunächst von Emil Harte, der die ehemalige VDM-Schreiner übernommen hatte, später dann von Jochen Harte. Der ist zwar Scheffe in der Kompanie Nette und hat auch seinen Betriebssitz dorthin verlegt, an der oben beschriebenen Tradition hat sich dadurch jedoch nichts geändert:

Die Schützen der Rahmede bzw. der Freiheit marschieren von ihren Sammelplätzen an der ehem. Fa. Berg in der Rahmede bzw. vom Haus Lennestein in der Freiheit in die Innenstadt. Wendepunkt ist Am Markaner. Auf dem Weg wird der Schützenadler aus bzw. in den Zug genommen. In dieser Zeit stärken sich die Schützen mit einem Kaltgetränk.

Anschließend setzt der Festzug seinen Weg fort zum Haus Lennestein um dort den "Adlerabend" zu feiern.

 

An der Tradition hat sich gar nichts geändert?

Naja, an der Tradition des Adlergeleit hat sich seit 1950 nichts geändert - wohl aber hat sich die Bauart des Schützenadlers geändert:

Im Jahr 2000 verriet Scheffe Jochen Harte, dass er immer noch die alten Vorlagen für den Adler verwendet. Dabei handelt es sich um flache Sperrholzschablonen, die als Vorlage für den hinterher viel voluminöseren Adler dienen. Ein gutes Stück Handarbeit ist erforderlich, um die Holzskulptur auch einigermaßen haltbar zu machen. Dabei wird von Schützenfest zu Schützenfest immer wieder an der Technik gefeilt. Harte: "bei jedem Schützenfest haben wir dazugelernt." Das hänge auch mit der Beanspruchung zusammen. "damals wurden 1100 Schuss abgegeben, heute sind es 1700 Schuss." Auch sind die Zeiten vorbei, als der Adler aus einer Birkenwurzel hergestellt wurde. Harte: Es ist heutzutage eben problematisch, gescheites Holz zu bekommen." So entsteht der Aar eben aus schichtverleimtem Holz. Die Feinarbeiten seien dabei auch eine schöne Arbeit für einen Lehrling, vor allem, was die Ausarbeitung der Arme anbelange. hier und da geht es auch mal schief. Harte zeigt auf die für den Laien kaum sichtbaren offenen Fugen des verunglückten Adlerkopfes. "da hat der Leim wohl Frost gekriegt."

Wie dem auch sei: Am ende stecken inklusive Mehrfachlackierung "gut 50-60 Stunden Arbeit" in einem Schützenadler. Sehr viel weniger Zeit benötigen die Schützen, um den Adler zu zerlegen.

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Autor: Christian Klimpel / 2017; Mailto: christian.klimpel@gmx.de

Foto 1: Oliver Scholl; Kompanie Freiheit / 2012

Foto 2-5: Björn Braun www.lokalstimme.de / 2015